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Dort, im von außen so beschaulichen Oldenburger Land, ist ein Zentrum der Fleischindustrie mit Massentierhaltung und Großschlachtbetrieben. Irgendwann wurde Kossen auf die Zustände aufmerksam gemacht, unter denen Menschen dort im Rahmen von Werkverträgen arbeiten müssen. Schwangerschaftskonfliktberaterinnen erzählten ihm, rumänische und bulgarische Arbeitsmigrantinnen seien zum Sozialdienst katholischer Frauen gekommen, weil sie bei einer ungewollten Schwangerschaft plötzlich feststellten, dass sie nicht krankenversichert waren, und dass sie auch kein Geld hatten, um zur Entbindung in ihre Heimat zu fahren. Aber das war nur der Anfang einer Geschichte, die man im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts nicht vermuten würde. Frauen, die der Armut in Rumänien entkommen wollen, müssen in Fleischbetrieben für 2,10 bis 3,70 Euro pro Stunde Schwerarbeit leisten, weit über die gesetzliche Höchstarbeitszeit hinaus, sie sind mit etlichen Frauen und Männern in einem oft baufälligen und schimmeligen Zimmer untergebracht, schlafen dort für 210 Euro Miete pro Bett und Monat. Hunderttausende – Frauen und Männer – sind in Deutschland davon betroffen. Und diese Liste der sklavenähnlichen Zustände ließe sich noch fast beliebig verlängern. Ehrbare Bürger verdienen sich reich an Menschen, die wegen der Existenz bedrohenden Armut in ihrer Heimat erpressbar sind.

So ist Peter Kossen, der schon immer ein Herz für die Menschen hatte, zu einer nahezu alttestamentlichen Prophetengestalt geworden. Er klagt an, dass durch diesen Missbrauch von Werkverträgen, den sich die Unternehmen auch noch mit öffentlichen Leistungen wie Hartz-IV-Aufstockung Kindergeld und Wohngeld subventionieren lassen, unsere Gesellschaft „von innen verrottet“. Deswegen lässt er sich auch nicht sagen, die Kirche verließe ihre Kernkompetenz, wenn sie solche Menschenrechtsverletzungen anklagt.

Doch Kossen argumentiert nicht nur moralisch und theologisch. Er macht deutlich, dass gerade die Länder mit den höchsten Sozialstandards im globalisierten Wettbewerb am besten dastehen: Einhaltung der Menschenwürde und wirtschaftlicher Erfolg sind keineswegs Gegensätze.

Es ist offensichtlich, dass es gegen Kossens Ideen auch Widerstände gibt. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass es hier ein Spitzenvertreter der Kirche ist, der sich zum Sprecher der Armen macht. Schon vor der Zeit von Papst Franziskus zeigte der Prälat auf, was eine „arme Kirche der Armen“, die keine Angst um ihre Privilegien hat, bewirken kann: An der Bewegung für Menschenwürde bei Werkvertragsbeschäftigten im Oldenburger Land kann Politik und Wirtschaft nicht mehr vorbei, seitdem sie auch durch Peter Kossens Predigten bundesweite Aufmerksamkeit gewonnen hat.

Konrad Nagel-Strotmann

Den Vortrag von Prälat Kossen können Sie hier hören (ca. 45 Minuten)

Fotos: Martin Marzeion